Vorbild "Christophorus"

"Das Christophorus Projekt - Von der Pflicht der Alten unsere Kinder zu retten"

von Dana Horáková (Neuer Europa Verlag Leipzig, 2006)

Eigentlich ist Christophorus, der Riese aus dem biblischen Lande Kanaan, kein richtiger Heiliger, denn die katholische Kirche hat seinen Namen aus der Liste der kanonischen Heiligen gestrichen. Weil man nicht sicher sei, ob er wirklich lebte, aber vor allem, weil er keine Wunder bewirkte, keinen Drachen besiegte bzw. keine Brotleiber zu Rosen werden ließ.

Und doch war er der wohl beliebteste Heilige des Mittelalters und wird heute noch wie kaum ein anderer christlicher Glaubensverteidiger verehrt: man findet ihn neben dem Kircheneingang, an Brücken oder am Autospiegel baumelnd, man schätzt ihn in Indien, Australien, Afrika. Da muss man sich doch fragen: Woher - dem 'Kirchenbann' zum Trotz ! - die zeitlosen Sympathien, das ungebrochene Vertrauen in seine Hilfsbereitschaft ?

Die Antwort ist einfach: Dieser Mann, um dessen Dienste Könige und gar der Teufel buhlten, verzichtete auf irdische Güter, auf Ruhm, Gold und Macht, um einem Kind helfen zu können. Und zwar einem 'wunderschönen Knaben' (so heißt es in der 'Legenda aurea' aus dem 13. Jahrhundert), der ihn eines Nachts bat, über einen wilden Fluss getragen zu werden. Der Riese schulterte bereitwillig das fremde Kind,

musste aber bald feststellen, dass diese scheinbar einfache Aufgabe seine Kräfte weit mehr forderte als alles andere bislang ...

Der Knabe (es war ja das Christkind !) schenkte dem Hünen zum Dank einen neuen Namen. Und somit ein neues Leben. Und der alte Mann, der, seit er denken konnte, nach einer Herausforderung suchte, die seiner enormen Kräfte würdig wäre, fand endlich sein Lebensglück. Und wurde nie mehr einsam. Das heißt: Erst als der Alte einem Kind geholfen hatte, seinen Weg zu gehen, hat er auch seinen eigenen Weg gefunden. Ein Wunder.

Rund zwanzig Millionen rüstige Senioren suchen hierzulande, oft vergeblich, nach einer Sinn stiftenden Aufgabe, denn kaum ist ihre Arbeitszeit abgelaufen, lauert die Leere. Gleichzeitig verkümmern fast dreizehn Millionen Kinder, die in kollektiven Erziehungsanstalten sozialisiert werden, weil sie nach Schulende keinen Menschen finden, der sie bedingungslos akzeptiert und als ein kostbares Individuum behandelt. Und beide, die Alten wie die Kinder, leiden an Einsamkeit.

Ich bin sicher, Christophorus ist wie kein anderer prädestiniert (und vielleicht sogar bereit ?!?), zum Schutzheiligen eines Projektes zu werden, das Alte und Kinder zusammenführen möchte, um ihr Gefühlsvakuum durch menschliche Wärme zu ersetzen. Ein Senior findet im Kind einen dankbaren Abnehmer seiner Erinnerungen und kann die humanistischen Werte, die er von seinen Vorfahren lernte, an die Nachkommen weitergeben. Und die 'wunderschönen' Kleinen können dem Senior helfen, sich in der globalen Web-Welt zu orientieren. Die Teilnahme an einem Projekt Christophorus: Eine Win-Win-Situation also - für beide.

Jeder Senior kann, sollte ein Kind schultern, um beides zu retten: die dritte seiner drei Lebenszeiten und die Zukunft des Kindes. In Zeiten des Umbruchs ist schließlich nichts wichtiger als ein Vorbild, das seelischen Halt gründet. Übrigens: es muss nicht immer der eigene Enkel sein. Die Enkel werden uns bald schon ebenso ausgehen wie die Arbeit.